|
Episoden um den Bahnbau
Für Dollnstein waren die Jahre des Bahnbaus nicht nur wirtschaftlich
eine „fruchtbare“ Zeit. Über eine unerwartete Nebenwirkung berichtet
Pfarrer Pöhnlein in seinen Heften „Alt- Dollnstein“.
Fruchtbare Jahre
“Die Jahre 1867, 1868 und 1869 haben die größte Kinderzahl, die
Dollnstein je erreicht hat, nämlich zusammen 307 Geburten, davon im
Jahre 1869 die Höchstzahl von 121. (In normalen Jahren betrug die
Geburtenzahl zwischen 70 und 80). Das „Rätsel“ löst sich durch
folgende Tatsache: In diesen Jahren wird nämlich die bekannte
Bahnstrecke Ingolstadt-Treuchtlingen mit ihren hochromantischen
Felsen- und Wasserhindernissen gebaut und fertig gestellt, darunter
die Höchstleistung des Eßlinger Tunnels mit 630 Metern in
unmittelbarer Nähe von Dollnstein. Natürlich bringt die Bahn auch
Verkehr! Aus aller Herren Länder, Böhmen, Italien, Slowenien,
Bayerischer Wald kommen die Arbeiter und Arbeiterinnen und suchen
Quartier innerhalb und außerhalb Dollnsteins. 82 illegitime Geburten
innerhalb von 2 Jahren und 108 Kindersterbefälle melden die schwer
beladenen Rubriken des Pfarrbuches.“
Der „Dollnsteiner Fuß“
Wussten Sie schon, dass beim Bahnbau ein neues Längenmaß kreiert
wurde? Erfunden hat es der berühmte Oskar von Miller, Erbauer des
Walchensee- Kraftwerks und Begründer des Deutschen Museums in
München.
Miller war nach seinem Examen in den bayerischen Staatsdienst
getreten und im Alter von 24 Jahren als Praktikant dem Straßen- und
Flussbauamt Neuburg an der Donau zugeteilt worden. In dessen Auftrag
hatte er im Raum Dollnstein Vermessungen für die geplante neue
Altmühlbahn durchzuführen. Für diese Arbeiten war ihm eine Gehilfe
zugeeilt, der die Messlatte anzulegen hatte. Miller zeichnete die
gemessenen Daten gewissenhaft auf und meldete das Ergebnis an seine
vorgesetzte Dienststelle weiter. Aber postwendend erhielt er eine
scharfe Rüge: Seine sämtlichen Messdaten seien falsch.
Oskar von Miller jedoch war sich keines Fehlers bewusst; er hatte
genau gemessen und exakt gerechnet. So nahm er seinen Gehilfen ins
Gebet, und dieser beichtete ihm kleinlaut, er habe die Latte
heimlich um genau einen Fuß abgeschnitten, da sie ihm zu schwer und
zu unhandlich gewesen sei. Statt einer 10-Fuß-Latte hatte von Miller
seine Ergebnisse also mit einer Neun-Fuß-Messlatte
ermittelt.
Miller jedoch erwies sich als Mensch. Auf keinen Fall wollte
er seinen Gehilfen anschwärzen. So meldete er seinen Vorgesetzten,
er habe keinen Fehler gemacht. Möglicherweise aber seien sie selbst
nicht richtig informiert. Sie hätten wohl nicht berücksichtigt, dass
man hier in „Dollnsteiner Fuß“ messe. Dieses Maß aber habe nur neun
Zehntel der Länge eines bayerischen Fußes. Die Behörde gab sich mit
dieser einleuchtenden Erklärung zufrieden.

|